‘Vulcan Black’ von Passalacqua

Heute möchte ich euch den köstlichen, sehr robustalastigen ‘Vulcan Black’ (30% Arabica/70% Robusta) von der renommierten napoletanischen Traditionsrösterei ‘Passalacqua’ vorstellen.

Die süditalienisch dunkel gerösteten Bohnen sind offensichtlich frisch, matt schimmernd und weisen keinerlei Spuren von Verbrennung auf. Sie duften angenehm nach Holunderholz, Mandel und fast erkaltetem Kamin – oder vielleicht auch Vulkanasche.

Im Mundgefühl überzeugt der schwarze Vulkan mit seiner geschmeidigen Samtigkeit.

Das Schmeckerleben, das dieser wuchtige Espresso zu bieten hat, ist sehr besonders und fernab von jeglicher Lieblichkeit. Süße wirste hier lange suchen – macht aber nichts!

Seine Schokoladigkeit erinnert mich an sprödaromigen, ernsten, soloinstrumentalen Forasterokakao, der bei der Ofentrocknung zwei Sekunden lang Rauch abbekommen hat. In London habe ich mal eine 100%ige dunkle Schokade von Montezuma’s probiert, die ‘Absolute Black’, welche das bisher Herbste und Schnörkelloseste war, was mir an purem Kakao in Tafelform begegnet ist. Davon hat der ‘Black Vulcan’ was. Seine Rauchigkeit ist dicht am Brandigen – aber dabei noch wirklich gut. Gerade so, dass der Gaumen nach leisen  Ansätzen von Alarmiertheit dann doch hingebungsvoll ‘okay’ hauchen kann zu dieser glimmenden, rigiden und letztlich als sicher empfundenen Herausforderung.

Die Belohnung besteht aus Mandelnoten, Holunderholz, einer winzigen, ungemein interessanten Spur von streng-würzigem Liebstöckel, etwas Assamtee, dunkel getoastetem Weißbrot, einem Hauch Muskat – und überaus beglückenden, ganz zarten, leicht überschmeckbaren Obertönen von Mandarinenschale. … Da winkt dann doch noch etwas Süße um die Ecke, ganz am Schluss und so zurückhaltend, dass ich ihr fast ein wenig Rückenstärkung wünschen würde, wenn nicht die Gesamtkomposition in ihrer Knarzigkeit so gewinnend wäre.

Frau Antje ist sehr angetan – empfiehlt diese Mischung jedoch ausschließlich fortgeschrittenen Liebhaber*innen von wirklich kräftigem, rauchigem Espresso alla Napoletana.

Tipp: Bei 94ºC bezogen statt bei 95ºC kommen die Schoko-Mandelnoten deutlich in den Vordergrund und das Rauchige tritt zurück.

Parameter für meine Bezüge:

14,1g Bohnen

Mühle: Titus – Mahlgrad kurz vor 60º, d.h. fein, aber nicht ultrafein

Siebträgermaschine: Strietman CT2 – 94,5ºC, 4 Sek aktive PI

2 1/2 Schluck out in 50 Sek.

 

‘Die Mahlkaiserin’ – Die Story

Vorweg:

Nein, dies ist keine Rezension! Wirklich nur die ganze, hochemotionale Wahrheit und der neueste Klatsch aus Frau Antjes espressionistischem Liebesleben ….



“Wie das alles anfing mit der Mahlkaiserin und Frau Antje.”

Jemand im Internet präsentierte irgendwann stolz Fotos von seinem glamourösen Mühlen-Neuerwerb.

Frau Antje las Forenbeitrag um Forenbeitrag über die ihr bis dato unbekannte, hochgelobte Schöne, und befand schließlich: “Wenn ich je eine elektrische Mühle will, dann so eine! Eine andere kommt überhaupt nicht in Frage! Und wenn ich noch Ewigkeiten darauf sparen muss!”

Georgette, Frau Antjes quietschrosa Riesensparschwein,

das nach dem Schrottwichteln damals, im Dezember 2007, bei ihr eingezogen war, hatte die energetische Neuausrichtung gespürt und aufgeregt gegrunzt. Sie hatte das vollgefressene, plumpe Rumstehen sowas von satt, und träumte davon, wieder wie ein junges Ferkel herumzutollen und sich so richtig wundervoll einzusauen.

“So eine oder keine” hieß genau genommen: Frau Antje hatte sich etwas wirklich doll in den Kopf gesetzt. …

Zumal sie dieses Jahr ja 60 geworden ist und das gebührend mit einem Geschenk an sich selbst und an ihre Geschmacksknospen feiern wollte.

Überhaupt sind Frau Antjes Geschmacksknospen letztlich an allem Schuld! Vehement bestehen sie darauf, dass ihnen auch die letzte betörende Dunkelaromen-Nuance im Espresso zugänglich gemacht wird. Wer könnte dafür verantwortlicher sein, als die Kaffeemühle?

Zwischendurch hatte Frau Antje es dann ja noch mit der HG1 probiert: Ihr rechter Arm musste fortan ganz schön ran für das wirklich tolle Mahlgut, das die HG1 produziert.

Eines Tages war es soweit:

Frau Antje fragte ganz unverfänglich beim namhaften Mühlenbauer nach, was denn so ein strombetriebenes Schätzchen aus seinem Hause wohl koste.

” Aha. Mhmm … Okay. Verstehe.”

Frau Antje schrumpfte vorübergehend ein wenig zusammen und faselte etwas von einem längeren Weilchen, bis sie irgendwann in ferner Zukunft vielleicht mal soweit sei.

Na gut. So ist das eben. Sie beschäftigte sich mit anderen Dingen …

… und mit anderen Dingen …

und mit Espresso sowieso …

Irgendwann, nicht allzu viel später, meldete sich der Mühlenbauer bei Frau Antje:

” Du, da ist jemand, der seine Mühle privat verkaufen möchte. Ein super Teil! Ist noch kein Jahr her, dass wir die gebaut haben! Optisch ist sie halt ein bisschen exotisch. Kuck mal.” Es folgte ein Foto. ”

” Ganz in Rot?“ Frau Antjes Herz hüpfte.

“Ja”, sagte der Mühlenbauer. “Komplett mit Titancarbonitrid und SSP beschichtet. Hat so’n paar ganz leichte Gebrauchsspuren. … Ich dachte mir, die würde gut zu deiner Strietman passen . Überleg’s dir mal, vielleicht ist die ja was für dich …”

Frau Antje konnte schon deshalb nicht widerstehen, weil sie sich mit den Worten ‘exotisch’ und ‘Gebrauchsspuren’ sofort sehr identifizieren konnte. Außerdem hat der Sparschwein-Inhalt nach etlichen Jahren der Fütterung halt ausgereicht. 

Gerade eben so. Die Göttin des Second-Hand meinte es mal wieder gut mit Frau Antje.

Der Mühlenbauer vermittelte zwischen der Mühlen-Habenwollerin und dem Mühlen-Loswerdwoller.

Georgette quiekte vergnügt.

Da steht die rote Mahlkaiserin nun also in Frau Antjes kleiner Küche. Nobel bis ins Mark.

Doch führen wir uns einmal zu Gemüte, was Ihre Majestät selbst zu dieser Begebenheit zu sagen hat. Hier ein schriftlicher Vorab-Auszug aus dem Radio-Exklusiv-Interview, welches ihr ab kommender Woche in voller Länge unter www.kroneundbohne.haha abrufen und anhören könnt:

*Dezentes, sehr edles Schnurren und Surren* (ein kleines bisschen aufgeregt):

*rrrrrrrrrrrrrrrrrrrwisper …*

“Sind wir schon auf Sendung?”


~ ERKENNUNGSMELODIE ~

“Einen wunderschönen guten Abend, verehrtes Publikum! Hier ist Bohnhelm Schlagmahl mit einer neuen Folge von ‘Krone und Bohne”! Zu Gast bla … … bla bla Ihre Majestät bla blubb schön wie immer bla bla bezaubernd bla bla freue mich, dass Ihr heute hier zu mir ins Studio gekomm …”

*KREISCH!!!!!*

*erstarr* o_O ????????

“STOOOOOOPPP!!!!”

*SCHNAUB!!!*

*Sicherungsbeben*

GRRRRRRRRRRRRRRRRRR!!!!

Ich krieg gleich ‘nen KNALL!!! Sofort aufhören mit dem Scheiß, du Röstfehler auf zwei Beinen!!!! Du HAST sie wohl nicht mehr alle?!  STOP!!!!! SOFORT STOP!!!!

*Das blaue Auge blitzt gefährlich*

” So, junger Mann, zum Mitschreiben:  Auf GAR. KEINEN. FALL. … ” *rrrrrrrrr* ” … will ich auf meine FUCK.KING Noblesse reduziert werden! Auch nicht auf mein Aussehen, kapiert?!” *rrrrrrrrrrr*”

Ich bin KÜNSTLERIN!!!” *rrrrrrrrrrrr* “Du hast es hier mit einer Primamahlerina assoluta zu tun!!! In ALLEN großen Häusern der Welt hab ich gemahlen, du Dumpfbohne! *rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr*  Mahlett ist mein Leben!!!! … Robustaknacker!!… Romeo und Arabica! … Bohnensee!!! … Ich habe die sterbende Bohne gemahlen!!!!!!! Standing ovations in Milano, in New York, in Paris, in Tokio!!!!!! Weißte nix davon, was???!!! …  Na gut, bist ja noch grün hinter der Kaffeekirsche … Kuckste wohl lieber ‘Deutschland sucht die Superbohne’ anstelle von Mahlett, was??!l Bloß nicht zu viel Kultur, hab ich recht, Chérie?

*GrrrrrrrROARRRRR !!!!* WO.MIT. hab ich so ne Alukapsel als Reporter verdient?????!!!

Sperr deine Lauscher auf, Zuckerböhnchen: …  Geh. mir. nicht. auf’s. Hy.brid.mahl.werk. mit. diesem. ver.mahl.edeiten Palastgesülze!!!!! ‘Eure Majestät’ hier und ‘Eure Hoheit’ da und ‘schön wie immer’ am Arsch!!!!! Da kannste dir deine hässlichen Schuhe mit wichsen!”

Die Kaiserin bekommt hektische Flecken im Dekolleté und fächelt sich Luft zu.

Sie könne NIE!!!, so findet Ihre Durchlaucht allmählich zum allersanftesten Schnurren zurück, NIE!!!!! mit jemandem zusammen sein, der ihre Kunst nicht in allerhöchstem Maße zu goutieren wisse.

*rrrrrrrrrrrrrrrrrrr schnurr*

Und genau deswegen residiere sie jetzt bei Frau Antje.

Nö, sie habe überhaupt nichts gegen eine 34m²-Genossenschaftswohnung. Im Gegenteil! So zu wohnen sei voll ihr Ding. *rrrrrrrrrrrrr*

“Besser als jede Bühne!”

“Jo”, surrt ihre Durchlaucht errötend,

“So isses.

Jetzt ist’s raus.

Frau Antje und ich haben eine Beziehung!”

*rrrrrrrrrrrrr*

“Hättste nich gedacht, was?!

Es ist was Ernstes.

Und Hammer leidenschaftlich, das glaub mal! Frau Antje würde im Traum nicht auf die vermahlene Idee kommen, mich Majestät zu nennen! Die sieht MICH, wie ich wirklich bin! Sensibel nämlich!

Und nu verpiss dich, du Bohrkäfer, sonst hagelt’s ne Ladung Kaffeeschrot!”

*rrrrrrrrrrrrrrr*

(Oh, sorry, das war versehentlich die uneditierte Fassung! …

Uih! Mist! Das gibt Ärger mit der Redaktionsleitung! …… Vielleicht hatte die Kaiserin recht und ich bin wirklich ne Alukapsel mit hässlichen Schuhen  … @.@)

Frau Antje findet, unter uns gesagt, schon auch, dass ihre geniale und hochbegabte Auserwählte atemberaubend gut aussieht.

*seufz*

*zitter vor Verzückung*

*schmelz dahin*

*schwärm*

Achso, ja:

Frau Antjes Mühle ihres Lebens ist tatsächlich eine TITUS.

War ja jetzt schon klar, oder?

Der Weltstar mit Lebenserfahrung ist wie geboren für Frau Antjes Cross-Style-Küche aus Sperrmüll-Funden, Flohmarkt-Trophäen, frühem Ikea, etwas Kitsch, dem 70er-Jahre-Gasherd – und der Strietman CT2. Das Schicksal hat es so gewollt!

Madame Strietman und ‘La Titüs’ waren übrigens von Anbeginn ein Mahlwerk und eine Seele.

Auf Frau Antjes Espresso-Altar regiert jetzt das vollkommene Glück.

Georgette wälzt sich derweil genüsslich in der Puckschüssel. Sie ist sehr zufrieden mit sich und der Welt.

Geigen.

Vorhang.

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P.S. 1: Eine angemessene, seriöse Vorstellung der Titus mit technischen Einblicken, Funktionsbeschreibung und v.a. einem Erfahrungsbericht folgt in ein paar Monaten oder so.

Doch etwas kann ich jetzt schon verraten: Ja, der Wechsel in die Ölscheich-Style-Luxus-Liga hat sich gelohnt. Das Titus-Mahlgut bringt gegenüber der HG1 noch mehr üppige, weiche, breite Abgerundetheit ins Espresso-Tässchen, eine noch feinere Aromenklarheit, noch filigranere Bouquet-Nuancen, ein deutlich seidigeres Mundgefühl – und all das, wohlgemerkt, bei dunklen Röstungen.

Alles Weitere später irgendwann.

P.S. 2: Falls jemand sich das beim Lesen gefragt hat: Der HG1 geht es gut. Sie hat sich in einen jungen Mann und seine Diva verliebt und wird in Bälde ausziehen. 

 

 

 

 

‘Caffè del Sole – Nero Bar’ und ‘Caffè del Sole – Crema’ von der Rösterei ‘Coffee for Life srl’

Frau Antje hat wieder einmal ihre Espressogenuss-Fühler nach Bella Napoli ausgestreckt:

Heute möchte ich euch zwei paradiesisch leckere Espressi der Marke ‘Caffè del Sole’ vorstellen, die in Deutschland erst seit der Pandemie erhältlich sind. Zum Glück! So hat die Krise auch ein wenig ihr Gutes für uns Dunkelespresso-Fans nördlich der Alpen – aber ich greife vor …

Lasst mich zunächst etwas darüber erzählen, wer die Bohnen röstet. Und dann ein bisschen was darüber, warum und auf welchem Wege wir sie jetzt in Deutschland bekommen können.

‘Caffè del Sole’ ist die Marke einer 2013 gegründeten Rösterei mit dem Namen ‘Coffee for Life srl’. Diese hat ihren Sitz in Casoria, einer Stadt in Kampanien, die ungefähr so viele Einwohner hat, wie Bayreuth, und Teil des napoletanischen Metropolitanstadt-Flickenteppichs ist. 

Die Rösterei ‘Coffee for Life’ ist klein. Gerade mal 6 Menschen verdienen in dem Betrieb ihren Lebensunterhalt – als da sind:

Die beiden Inhaber, Sergio Vilone und Daniele Capitelli, beide gelernte Steuerprüfer mit großer Begeisterung für Kaffee, sowie 4 Angestellte.

(Im unteren Bild links: Sergio Vilone, rechts: Daniele Capitelli)

Derzeit werden vier Bar-Mischungen der Marke ‘Caffè del Sole’ hergestellt:
‘Rosso’ (in Deutschland ‘Crema’ genannt), ‘Nero’, ‘Gold’ und ‘DEK’ (entkoffeiniert).

Hier ein kurzer Einblick in den Rösterei-Betrieb:

Durchschnittlich 10 mal pro Arbeitstag wird der Röster befüllt. Pro Rösterfüllung sind das ca. 90kg Kaffeebohnen. 

Abnehmer für die Bohnen sind in normalen Zeiten vor allem lokale Bars.

Ihr könnt euch vorstellen, was der coronabedingte Lockdown in Italien sowohl für die Bar- als auch für die Kaffeerösterei-Betreiber dort bedeutet hat! Alles zu! Wirklich geschlossen! Monatelang …

Und hier kommt nun der 19jährige Berliner Jungunternehmer und Software-Entwickler Nicola Maisto ins Spiel.
Nicolas Großmutter, Maria Palma, betrieb eine Bar in Giugliano in Campania, einer kleinen Stadt, die ebenfalls zur Metropolstadt Neapel gehört, und nicht weit von Casoria entfernt liegt: Die ‘Bar Cante’. Seit dem Jahr 2000 heißt dieselbe Bar ‘Caffetteria 2000’ und wird von Nicolas Onkel, Fabio Maisto, und dessen Frau Pina weitergeführt. Fabio Maisto und Sergio Vilone, der Rösterei-Betreiber, sind gute Freunde. Beide mussten durch die Corona-Maßnahmen krasse Umsatzeinbußen verzeichnen. Und Nicola in Berlin hatte da eine Idee …

So wurde der Kaffeevertrieb Maisto Caffè aus der Taufe gehoben, in dem Nicola, neben seiner Marketing Agentur, freundlicher, gut erreichbarer Ansprechpartner für die deutsche Kundschaft ist, während Fabio, der Onkel mit der Bar, sich um die logistischen Angelegenheiten kümmert.

Was mir an Maisto Caffè, neben der zugewandten, warmherzigen Kommunikation, besonders gut gefällt, ist, dass die gelieferten Bohnen jedes Mal wirklich frisch sind. Frische ist ein wesentlicher Anspruch des Familienunternehmens.

https://maisto-caffe.com/

Die Verkostungen:

Für beide verkosteten Mischungen gilt:

Die jeweilige Tüte enthielt satt warm-röstig duftende, makellose, leicht glänzende Bohnen.

Röstgrad: Dark French.

Es waren keinerlei Bruch oder verkohlte Stellen zu finden.

Die Bohnen wurden mit der HG1 gemahlen und alle Espressi habe ich mit der Strietman CT2 zubereitet.

1. Caffè del Sole ‘Crema’ (Rosso) :

Das erste, was mir zu dieser Mischung aus 52% Robusta- und 48% Arabicabohnen einfällt, ist: “Espresso gewordenes Tiramisù”.

Da ist tatsächlich einen ausgedehnten Moment lang diese betörende Mischung aus Espresso, Eigelb, Mascarpone, Löffelbiskuits, Kakaopulver und Amaretto auf der Zunge – und das, obwohl von den genannten Zutaten ja nur erstere vorhanden ist.

Ein Hauch von Leder kommt mitunter durch, vor allem bei Brühtemperaturen unter 94-95ºC.

Dasselbe gilt für robustatypische Noten von mineralreicher, vulkanischer Weinberg-Erde mit etwas knarziger Holzigkeit anbei. Auch diese treten vor allem bei Bezugstemperaturen um 92-93ºC hervor. Je höher die Brühtemperatur, desto mehr tritt das Erdig-Holzige in den Hintergrund. Bei 95ºC ist es nur noch ein fernes Echo.

Das Aroma von zerlassener Butter zeigte sich bei allen Temperaturen.

Mandel ebenfalls, die ja schon im Amaretto des Tiramisù mitschwingt.

Süße, gelbe Weintrauben.

Dunkler, aromenfülliger, minimal herb-beeriger Edelkakao, der mich an ‘Le 100% Criollo’ von François Pralus erinnert.

Des weiteren punktet der ‘Crema’ durch sehr gefälligen, dichtcremigen Schmelz im Mund.

Zuweilen, v.a. bei niedrigerer Brühtemperatur, bekommt dieser Schmelz einen leicht tanninigen Anflug. Bei 95ºC kann dieses minimal Gerbsäurige, Zusammenziehende allerdings nur noch erahnt werden – es ist dann so wundervoll eingebettet in das gesamte buttrige Tiramisù-Bukett, dass es viel eher interessant als störend wirkt.

Der ‘Crema’ wärmt auf’s Angenehmste Brust- und Bauchraum und entspannt das Herz, ohne jedoch einzulullen. Dafür ist er viel zu  faszinierend in seinen Aromennuancen. 

Eine absolute Meister-Komposition, der ich voller Überzeugung Frau Antjes Tazzina d’Oro verleihe!

 

2. Caffè del Sole ‘Nero Bar’ :

Diese Mischung aus 70% Robusta und 30% Arabica ist mein erklärter Liebling aus der Caffè del Sole-Reihe!

Ich habe ihn mit 14,1g, deutlich feinem Mahlgrad und 95ºC Brühtemperatur am leckersten gefunden.
Aromenfunkelnd, weit, duftend, kraftvoll, mit sanftem, seidigem, sämigem Mundgefühl.

Er ist in einer geradezu lasziven Weise ganz leicht rauchig. Tiefe, dunkle, ausgesprochen elegante Tabakaromen lassen in mir Fantasiebilder von einem Salon der 1920er Jahre aufsteigen:

Androgyne Nachtgeschöpfe mit Pagenköpfen und Hosenanzügen, oder auch mit Wasserwellenfrisuren, Glockenhüten, Perlenketten bis zum Bauchnabel und fransigen Charleston-Kleidern, die sich katzenartig an Säulen schmiegen oder in Ledersessel gegossen haben, mitsummend, Rauchringe blasend, am White Lady-Cocktail nippend, vielsagende Blicke versendend, engtanzend, während das Grammophon kratzig Bessie Smith spielt, den ‘Empty Bed Blues’ vielleicht, und Zigaretten auf langen Spitzen glühend im Takt wippen …

Da ist eine betörende Komposition, die mich an herbsüße Paranuss erinnert, an sehr edlen, venezolanischen Criollo-Kakao und ebenfalls, wie beim ‘Crema’, an zerlassene Butter.

Dazu kommt eine Spur von ganz weichem Eierlikör. Also keinesfalls solcher mit durchdringend stechender Alkoholspitze, sondern seidiger, dunkeldottriger, mild-cremiger Eierlikör, der zu einem Stück Puertofino-Schokolade von Domori gereicht wird (> Die Puertofino MÜSST ihr probieren, wenn ihr dunkle Schokolade mögt!)

Wunderbarerweise blinkt inmitten der rauchig-schokoladigen Nachtschwärze kokett und unverhofft eine winzige Dessertlöffelspitze voller Cherimoya-Aromen auf:

Diese süß-aromatische Melange, die etwas von  reifer Banane, sonnengetränkter Ananas, Hochsommer-Himbeere, Williamsbirne und einem Hauch Zimt hat. Kaum zu erhaschen, wie eine Sternschnuppe, und doch absolut mit-prägend für diesen grandiosen Espresso.

Ja, und er schmeckt tatsächlich auch nach Niederegger Marzipan-Brot, wenn die Bohnen mindestens ca. 3-4 Wochen alt sind.

Wer lieber die erdigeren, holzigeren Robusta-Noten betonen möchte, bevor es zu aphrodisierend wird, sollte auf jeden Fall mit niedrigeren Bezugstemperaturen (92-93ºC) experimentieren!

Auch bei gröberem Mahlgrad zeigt der ‘Nero Bar’ sich übrigens tadellos und absolut köstlich – er bekommt dann mehr von einer leichteren, süßen, schoko-rauchigen Nachmittags-Klarheit.

Seine fruchtschwärmerische, schillernd-sinnestrunkene, rauchgeschwängerte Mitternachts-Verruchtheit zeigt sich jedoch erst mit zunehmender Dichte durch feineres Mahlen und langsameren Bezug (40-50 Sekunden stehen ihm sowas von hervorragend!).

Der ‘Nero Bar’ wärmt durch und durch und strotzt dabei vor sinnlicher Eleganz. Er hat mich jedes Mal erneut zurücklehnen, die Augen schließen und genussvolle Seufzer von mir geben lassen.

So ein toller Espresso! Wow!

Frau Antje ist restlos begeistert und verleiht auch dem ‘Nero Bar’ von Caffè del Sole freudig ihre Tazzina d’Oro!

 

 

 

“Caffè del Professore” von Moka Termini

Heute verkostet Frau Antje einen besonders strahlenden Fixstern am Firmament der süditalienisch-dunklen Röstungen:

Den berühmten ‘Caffè del Professore’ von der Rösterei ‘Moka Termini’ aus Palermo.

Moka Termini wurde 1932 von Nunzio Termini gegründet. 1997 übergab dieser das Unternehmen an seine drei Söhne Pietro, Domenico und Dario, die es, wenn ich mich nicht täusche, noch heute zusammen führen.

Ursprünglich befand sich die kleine Rösterei inmitten der historischen Altstadt von Palermo.
Heute wird auf gut 4000 Quadratmetern in Palermos Industriezone geröstet, verpackt und verladen.

Das Unternehmen “Moka Termini” produziert insgesamt 7 Espressomischungen: ‘Caffè Monachello’ , ‘Moka Termini’, ‘Caffè Tonaca di Monaco’, ‘Espresso Bar’, ‘Il Signor Caffè’, ‘Caffè Moka’ und den ‘Caffè del Professore’, der als das Meisterwerk des Firmengründers gilt.

Die hier rezensierte Spitzen-Mischung setzt sich zusammen aus 85% Arabica- und 15% Robusta-Bohnen.

Die Bohnen stammen, so schreibt Rosario Gimmelli (der für den Vertrieb des ‘Caffè del Professore’ in Kampanien zuständig ist), aus Brasilien, Peru, Äthiopien, der Elfenbeinküste, Kenia und Indien und, “zu einem geringen Teil aus anderen, vorwiegend südamerikanischen und afrikanischen Ländern”.

Besonders bereichert werde der Caffè del Professore
durch eine spezielle, rundliche, kleine Bohnenart namens ”
“CARACOLITO” (“Schneckchen”). Diese Schneckchenbohnen, auch Peaberries oder Perlbohnen genannt, wachsen nicht, wie bei Kaffee sonst üblich, paarig in einer Kaffeekirsche heran, sondern einzeln. Es handelt sich um eine Mutation, die dadurch zustande kommt, dass nur einer der beiden Samen in der Kaffeekirsche befruchtet wird, was im Schnitt bei ca. 5% einer Kaffee-Ernte auftritt.

(KaffeeWiki: “Im Handel sind die folgenden Bezeichnungen für die verschiedenen Grössen üblich: very large bean > extra large bean > large bean > bold bean > good bean > medium bean > small bean > peaberry. In Afrika und Indien unterscheidet man fünf Grössen AA > A > B > C < PB (Peaberry). In Mittelamerika heissen die Grössen Superior, Primera, Tercera, Caracol und Caracolito.” https://www.kaffeewiki.de/wiki/Rohkaffee)

Aufgrund ihrer kugeligen Form sind Peaberries dichter in ihrer Struktur, was die Hitzeleitung beim Rösten begünstigt. Dadurch werden sie gleichmäßiger geröstet als die gewöhnlichen flacheren Bohnen. Das sensorische Profil der Schneckchenbohnen wird als sauber und elegant bei gleichzeitig schwerem Körper, besonders schokoladig, karamellig-süß, zitrusfruchtig, floral und insgesamt intensiv beschrieben.

Womit wir uns der eigentlichen Verkostung schon deutlich annähern.

Verkostung:

Ich habe selten einen dunklen Espresso so fein mahlen müssen, wie den Professore, um ihm das Beste zu entlocken. Sein Sweet Spot ist schmal. Jenseits davon schmeckt er gut, aber nicht sehr besonders. 

Ist er jedoch auf den Punkt eingestellt, bemächtigt sich der Professore virtuos aller Sinne.

Meine Einstellungen:

14,2g, sehr feiner Mahlgrad, 95-96ºC, 2 1/2 Schluck out. Gut 70 Sekunden Bezugszeit für einen Ristretto haben die allerköstlichsten Ergebnisse hervorgebracht! Ja, Siebzig Sekunden!

Alle Espressi für diese Verkostung wurden mit der HG1 gemahlen und mit der Strietman CT2 bezogen.

Die Bohnen und das Mahlgut Mahlgut duften wie dunkelschokoladen-umhüllte Pistazien-Marzipan-Pralinen von Patrick Roger.

Beim Schmecken spreizt der Professore eine grandiose Dunkelaromen-Vielfalt auf, deren üppige Klangbreite und funkelndes Oberton-Feuerwerk ihresgleichen suchen.

Die seidige Sahnigkeit seiner Textur kommt ebenfalls erst mit der Punktlandung im Sweet Spot zu ihrer vollen Geltung.

Tiefdunkles, süßes Sahne-Karamell formt die Basisnote, zusammen mit edlem, warm schmelzendem Criollo-Kakao. 

Die zentrale Herznote erinnert an Erdbeere, ja, tatsächlich, vollreife Erdbeere, die keiner Zuckerbeigabe bedarf, da sie selbst voller aromatischer Sonnensüße ist. Am deutlichsten habe ich das herausgeschmeckt, als zum Schluss noch ein winziges Espresso-Pfützchen in der Tasse übrig war. Es war schon fast eingetrocknet und ich habe mit meinem Finger hineingetupft und ihn dann abgeleckt:

Wow! Erdbeere in Dunkelkaramell! … Oder eher noch: Dunkel karamellisierte Erdbeermarmelade. Der Rest im Marmeladen-Einkochtopf, der fast schon angebrannt ist. Aber eben nur fast, es schmeckt nämlich genau richtig! Wirklich nach Erdbeerkaramell! Und das wird dann umhüllt von alleredelstem Dunkelkakao.

Geröstete Mandel und Pistazie klingen, ebenfalls als warme Herznoten, mit an.

In den Kopfnoten findet sich ein Hauch von Veilchen. Eine klitzekleine Spur von würzigem Waldhonig. Das Ätherisch-Einlullende von Rumrosine – und all das als ganz kurz aufscheinende Sternschnuppe. 

Es ist mir noch nie zuvor in den Sinn gekommen, eine Espresso-Mischung dreimal direkt hintereinander zu bestellen. Beim ‘Professore’ konnte ich nicht umhin, genau das zu tun. Dieser Espresso flasht mich total! Er ist nicht nur spektakulär lecker und sorgt für ein beeindruckend langes, weichröstig-warmes Echo im Mund, sondern lässt den ganzen Körper langanhaltend in wohliger Zufriedenheit schwelgen. Ich möchte ihn derzeit einfach weiterhin da haben, auch wenn ich zwischendurch gerne andere Bohnen verkoste.

(Achtung, Hamburg-Spoiler:) Gäbe es eine Art Elbphilharmonie* für Espresso-Kompositionen, der Caffè del Professore würde sie fulminant zum Erbeben bringen!  🙂 

*https://de.m.wikipedia.org/wiki/Elbphilharmonie

Bezugs-Adresse in Deutschland:

https://40scudi.de/Caffc-del-Professore-250g-ganze-Bohnen

https://40scudi.de/Caffc-del-Professore-Bohnen-3Kg-Bohnen

Für Bestellungen direkt in Italien könnt ihr euch an Annamaria de Cicco vom ‘Caffè del Professore’ in Neapel wenden:

annamariadecicco27@gmail.com

https://m.facebook.com/Caffe.del.professore.pzaTriesteeTrento.n.2

https://www.instagram.com/caffedelprofessore.p.t.t.n.2/?igshid=7wee0cd0rhnp

1000 Dank, Annamaria, für all die Informationen, die du mir geschickt hast!

 

 

“Vietnam Dark Revolution” von Röstkartell

(Ich hatte ihn schon im Dezember getestet, jetzt erst komme ich dazu, diesen Beitrag fertigzustellen)

Der “Vietnam Dark Revolution” von Röstkartell, bestehend aus 100% vietnamesischen Robusta-Bohnen, wurde ja nun in einschlägigen Kreisen schon oft gelobt – und ich stimme ab sofort mit ein!

Teufel nochmal, ist der lecker!

Balancierter Schmelz im Mund, edler Dunkelkakao, eine für reine Robustas typische, leichte Tanninigkeit, wunderbare, eher trockene Obertöne, die mich an Zedernholz in der Sommerhitze und an Pekannuss erinnern.

Ein verschwindendes Säure-Echo, gaaaanz weit weg und leise, das etwas von frischen Blütenpollen hat.

Mit einer relativ kurzen Präinfusion von 5 Sekunden entwickelt dieser 100% Robusta nochmal mehr Rundheit und Süße  …  Es lohnt sich hier wirklich, mit der Präinfusion zu spielen, was bei dunklen Röstungen nicht so häufig der Fall ist!

14g, Mahlgrad Apollo 7’4”, Siebträger: Strietman CT2,

95ºC,

PI 5 Sekunden,

2 1/2 Schluck out (ich dachte, es sind 3 – aber die Crema hat mich getäuscht).

Warm! warm! warm! im ganzen Körper …

Wow!

 

“Espresso Dark” von Röstkartell

Einen guten Sonntagmorgen allerseits!

Im Dezember in Frau Antjes Espressoverkostungs-Studio: ‘Espresso Dark’ (50% indischer Hochland-Robusta/50% südamerikanischer Arabica) von der Rösterei ‘Röstkartell’, einem 4 köpfigen Familienbetrieb in Bohmte bei Osnabrück/ Niedersachsen. Seitdem lag diese Rezension unveröffentlicht im Datei-Ordner – Asche über mein Haupt! Es ist also höchste Zeit!

Eine tolle Huldigung an die Caffè-Traditionen südlich von Rom.
Frau Antje hat beide Daumen oben!

Dunkel, geschmeidig und dickflüssig fließt der Espresso in weichen Schichten in die Tasse.

Ich muss beim Anblick an den köstlichen, puddingartigen, heißen Kakao in italienischen oder spanischen Bars denken.
Und dann, beim Schmecken, fällt mir die, in Schokoladensommelierkreisen sträflich verkannte, unerwähnte ‘Tavoletta amara’ ein, die dunkelste Dunkelschokolade von Gay Odin, dem alteingesessenen napoletanischen Chocolatier:

Ein wuchtig-bodenständiger, eng gebündelter Kakao, dessen holzige Würzigkeit sich zunächst gar nicht ausbreitet im Körper, sondern sich im Kopf-Gaumenbereich zentriert wie ein warmes, leicht schroffes Ausrufezeichen:
“Hier! Her! Platz!” (Hund legt sich. Der Espresso Dark legt sich auch, bereit, seine weiteren Aromen preiszugeben. )

Nach und nach schälen sich Noten von Lebkuchen, Avocado, Tabak und Zeder heraus.
Sehr apart!
Unaufdringlich schiebt sich eine Spur von frisch gebackenem, haselnussduftendem, warm-weichem Florentiner in den Vordergrund.
Und sehr sehr gemächlich sinkt die Wärme dann hinab durch die Brust bis in den Bauch.
Das Tier schlummert selig im Körbchen.

Ein Espresso mit Retardwirkung.

Wirklich sehr beeindruckt bin ich vom laaaaaaangen, alle Schokosehnsüchte befriedigenden, mollig einhüllenden Nachklang.

Große Klasse, Familie Brinkhege!

“Soave” von Gallitelli

Heute in Frau Antjes Espressoverkostungs-Studio:

Gallitelli ‘Soave’, bestehend aus  50% Arabica- und 50% Robustabohnen. Sehr sehr lecker, das gleich vorweg! 

Die Rösterei Gallitelli ist beheimatet in der süditalienischen Region Basilikata. Genauer gesagt, in Montescaglioso, einer kleinen Stadt und Gemeinde, die zur Provinz von Matera gehört.

Hier kann ich der Versuchung nicht widerstehen, einen kleinen reiseführerischen Schwenk zu machen (wer gleich zur Verkostung möchte, möge bitte nach unten scrollen. Das Wort ‘Verkostung’ ist fett gedruckt):

Die Basilikata:

Die Basilikata (auch Lukanien genannt) ist nun mal eine meiner Herzensgegenden. Kaum jemand hier kennt sie.

Selbst eingeschworene Süditalien-Fans reisen vornehmlich in die Küstenregionen und, wenn in Städte, dann am ehesten nach Neapel, Bari oder Palermo.

Küste aber hat die Basilikata kaum, abgesehen von zwei handtuchgroßen Zugängen zum Meer, die sich wenige Kilometer um Metaponto und Maratea herum erstrecken.

Ich habe seit 1990 quasi familiäre Bande in die Basilikata – aber auch, wenn es diese nicht gäbe, wäre ich aus dem hingerissenen Staunen nicht mehr herausgekommen, als ich das erste Mal dort war.

So weit das Auge reicht atemberaubend schöne, weite, abwechslungsreiche Hügel- und Gebirgs-Landschaften und bezaubernde Ortschaften.

Die sehr besondere Provinzhauptstadt Matera mit ihren sogenannten “Sassi” (= Felsen), womit die höhlenartig in die steilen, zerklüfteten Felshänge gebaute Altstadt gemeint ist,

…  und mit ihren uralten Felsenkirchen, war 2019 Weltkulturhauptstadt.

Dadurch ist sie wohl ein wenig bekannter geworden, zumindest unter kulturell Interessierten, und hat seither sicherlich ein paar mehr Touristen angezogen.

Es lohnt sich wirklich, nicht nur Matera, sondern überhaupt die Region zu erkunden, sowohl zu Fuß, als auch motorisiert.

Womit man jedoch, neben gigantischen Ausblicken und berührenden Entdeckungen, immer rechnen sollte ist, dass die Straßen manchmal abrupt im Nirgendwo enden. Oder gerade dabei sind, Stück für Stück den Hang runterzurutschen. Adagio!!! Achtsames Fahren ist hier angesagter denn je, und jedes Wenden, um passierbare Wege zu suchen, wird sehr wahrscheinlich mit noch spektakuläreren Aussichten belohnt werden.

Wer Metropolenflair und turbulentes, schrilles Szeneleben sucht, wird in der Basilikata garantiert nicht fündig werden.

Wer jedoch einsame, weite, unglaublich schöne Hügellandschaften und schroffe Berge (“die Dolomiten der Basilikata”) mit verschlafenen, nestartig weit oben thronenden alten Dörfern und Städten mag, dafür umso mehr.

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Zurück zum Espresso. Bzw. erstmal zur Rösterei.

Die Antwort aus dem Hause Gallitelli, auf meine Bitte um Informationen hin, begann mit der zauberhaften Poesie von Google Translate: “Hey Frau Antje … Wie Gehts?? Gut??”
Fast schon bedauerlicherweise fand die weitere Korrespondenz mit dem Qualitätsmanager, Herrn Salluce, auf Englisch und Italienisch statt. Ich liebe internationalen 1:1-Sprach-Rock’nRoll, vor allem, wenn er so durch und durch arglos und schwungvoll auf’s Parkett gelegt wird!

1984, so erfuhr ich, begann Giuseppe Gallitelli mit dem Handel von Kaffeemaschinen und -mühlen. Seine Söhne, Luigi und Marco, stiegen irgendwann mit in das Geschäft ein.  1999 schließlich wurde, parallel zum Kaffee-Equipment-Sektor, die Rösterei Gallitelli aus der Taufe gehoben und fortan mit Enthusiasmus betrieben.

Es werde, schreibt Herr Salluce, das Ziel anvisiert “Medium” zu rösten.

Die Robustabohnen, die Gallitelli verwende, stammten aus Indien, dem Kongo und aus Uganda. Die Arabicabohnen, die Gallitelli seinen Mischungen beifüge, seien aus Südamerika, vorwiegend aus Brasilien. 

Ab hier möchte ich Domenico Salluce selbst zu Wort kommen und aus seinem Alltag in der Rösterei plaudern lassen (Übersetzung von mir, nicht von Google Translate):

“Unsere tägliche Arbeit beginnt um 6 Uhr mit dem Aufheizen der Röstmaschine, während im Hauptlager mit dem Verladen der Güter für unsere Abnehmer (Privatunden oder Coffeeshops) begonnen wird.

Trotz der Pandemie sind wir zum Glück ziemlich beschäftigt. 

Gegen 7 Uhr morgens besuchen Marco, Luigi und ich die Produktion, um nachzusehen, ob dort alles seinen reibungslosen Gang geht.

Rohbohnen und geröstete Bohnen werden in Augenschein genommen und darauf überprüft, ob die Farbe so ist, wie wir sie haben wollen. 

Mit Hilfe unserer Arbeiter wird sichergestellt, dass sämtliche Maschinen in gutem Zustand sind. 

Nach unserem Rundgang trinken wir zusammen einen Espresso und diskutieren Pläne für die Zukunft, Möglichkeiten und was sonst so ansteht.

In der Regel veranstalten wir dreimal pro Woche ein kleines Cupping und schmecken uns durch Stichproben aus der laufenden Produktion …

Manchmal organisiere ich einen Grundkurs für einen neuen oder alten Kunden, in dem es um Espresso geht, und darum wie man mit der Milch richtig umgeht (Latte Art inklusive).

Letzten Donnerstag z.B. hatten wir hier 4 Kunden aus einem Café, das in unserer Gegend sehr bekannt ist. Wir hatten viel Spaß dabei, mit verschiedenen Extraktionen zu spielen und mit unter- oder überextrahierten Espressi fertig zu werden …”

Ganz herzlichen Dank, Herr Salluce, für die anschaulichen, persönlichen Einblicke! Mir ist, als wäre ich bei Ihrem morgendlichen Rundgang, beim gemeinsamen Espresso, beim Cupping und beim Barista-Einführungskurs dabei gewesen und hätte all das sehr genossen! Ich werde auf Ihre freundliche Einladung, Ihnen einen Besuch abzustatten und die Rösterei zu besichtigen, gerne zurück kommen!

Meine Bezugsadresse: https://italienische-feinkost-scarati.de/product/gallitelli-soave-espresso-kaffee-bohnen/

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Zur Verkostung:

Vor mir liegen Bohnen, deren Anblick Freude macht (kein Bruch, keine Mängel, keine verbrannten Stellen).

French Roast.
Mit Angabe des Röstdatums: 031120. Und mit Zubereitungsempfehlungen:

Beides ist ungewöhnlich und vorbildlich für eine süditalienische Rösterei!

Mir kommt ein sehr angenehmer, warmer, toastig-röstiger Duft entgegen.

Siebträger-Maschine: Strietman CT2.

Mühle: HG1 (Craig Lyn)

Meine Bezugs-Parameter:
14g – 14,2g, mittelfeiner bis feiner Espressomahlgrad. Die wohlschmeckendsten, rundesten Ergebnisse hatte ich bei 94-95ºC.

2 1/2 Schluck out in gezählten (!) 22-26 Sek.

Der ‘Soave’ hat ein weites Toleranzfenster, er verzeiht Abweichungen von der perfekten Temperatur und vom optimalen Mahlgrad (der natürlich, wie immer, je nach Luftfeuchtigkeit und Alter der Bohnen variiert), ohne sich zu perfiden Racheakten verleiten zu lassen. Auch bei 92ºC, 93ºC oder 96ºC und etwas langsamerer wie etwas schnellerer Fließgeschwindigkeit schmeckt er immer noch sehr angenehm und bleibt weich.

Mit den bestmöglichen Einstellungen zeigt sich ein geschmeidiger, dicker Fluss, ähnlich wie Ahornsirup, der sich schön zähtröpfelnd sammelt zu Beginn.

Das Mundgefűhl ist samtig weich, warm, schoko-schmelzig.

Seine Koffein-Gewichtsklasse liegt, ebenso wie die Textur, zwischen Halbschwergewicht und Schwergewicht, abhängig von der verwendeten Bohnenmenge und dem Mahlgrad. Er ist eindeutig von der stämmigeren, wuchtigeren Fraktion.

Erster Schmeck-Eindruck: Buttertoast mit geraspelter, dunkler Criolloschokolade, erinnernd an Domori Javablond. Dann weht ein Hauch von Macchiakräutern hinzu, winzige Noten von kandierter Grapefruit (mit Schale!). Eine Spur von sanfter, erdig-holziger, milder Paranuss lehnt sich genüsslich an. Eine winziger, würziger Anflug von Tabak, ganz zart und zurückhaltend. Süße! Eine weiche, runde, gar nicht so schwere Süße! 

Insgesamt ist der ‘Soave’ für mich ein ungemein befriedigender Espresso, der mir vor allem den Brustraum weitet und wärmt.
Langer, weicher Abgang, wirklich mindestens eine dreiviertel Stunde lang. Das ganze Treppenhaus riecht sowas von köstlich nach dem Bezug, dass ich mehrfach von meinen Nachbarn begeistert darauf angesprochen worden bin.

Wer ein Café hat, und Kundschaft über die Nase anlocken möchte, sollte diese Bohnen für den Ausschank in Erwägung ziehen! Was der Nase versprochen wurde, wird auch dem Gaumen gegenüber ganz und gar gehalten!

Eindeutiges Wow!

P. S. : Die Fotos sind teils von Erminia Viccaro, meiner Lebensgefährtin, teils von mir. Das Foto mit den Rad-Rennfahrern habe ich von der Gallitelli-Facebook-Homepage stibiezt. Ich hoffe, das ist okay  …

 

 

Die Strietman CT2

Um es gleich vorwegzuschicken: Ich war wirklich glücklich mit meinen beiden La Pavoni Handhebelmaschinen, den Diven. Sie haben mir treu täglich allerleckersten Espresso kredenzt und ich habe sie dafür geliebt und gehegt und gepflegt. Win win.

Ich habe vor dem Kauf der CT2 überhaupt kein bisschen diese oder jene andere tolle, teure Espressomaschine alternativ in Betracht gezogen. 

Keine bezaubernde Bezzera Strega, keine coole Profitec Pro 800, keine aufregende Londinium R oder R24, keine kesse Olympia Cremina, keine verführerische, eingruppige Bosco. Zwar fand ich all diese Hebel-Primadonnen toll, aber ich hatte keine Sekunde lang vor, so viel Geld in eine Espressomaschine zu investieren. Schon allein, weil ich sie alle viel zu klobig fand für meine kleine Küche.

Außerdem war mir klar: Ich brauch viele Ausstattungsmerkmale nicht, die diese Maschinen mitbringen.

Ich trinke ausschließlich dunkel gerösteten Espresso, das erfordert wahrlich keine Raketentechnik.

Na gut, die Olympia Cremina ist nicht wirklich klobig. Und sie gehört als einzige der genannten Maschinen zum Stamme der Direkthebler, wie die Pavonis und die Strietman. Ich mag das Prinzip der Direkthebler, mit all den Möglichkeiten der unmittelbaren manuellen Beeinflussung des Bezuges. Und ja, ich gebe zu, ich habe mich eine zeitlang halbherzig nach gebrauchten Creminas umgesehen. So richtig überzeugt war ich nicht. Weder von der Optik, noch von ihren Vorzügen. Die Pavonis finde ich optisch um Längen ansprechender.

Es schien für mich sehr deutlich darauf hinauszulaufen, mit meinen beiden Diven, in trauter Einstimmung aufeinander, alt zu werden.

Wär auch sehr okay gewesen.

Dann erblickte ich sie eines Tages – und es war um mich geschehen: Zooooooooooosch! Die Strietman! Crash!!!! Schnappatmung!!!!! 

Es ging mir nicht um ein Upgrade, das sei hiermit klargestellt. 

Es ging mir um SIE!

Von einem Moment auf den nächsten war ich hoffnungslos verknallt in genau diese schlichte, rotschopfige, kerzengerade, unendlich lasziv dreinblickende, edle Direkthebler-Schönheit.

Ich fing also an, auf sie zu sparen, und ein paar Monate später saß ich, samt einer Sackkarre, im Zug nach Eindhoven, um MEINE Madame Strietman persönlich abzuholen. 

Ich war aufgeregt wie vor einem Schicksals-Date.  … Am nächsten Morgen wanderte ich vom seelenlosesten Hotel, in dem ich je genächtigt habe, ca. 5 km weit bis zu dem eindhovener Industrie-Areal, in dem sich die Wiege der Strietman-Espressomaschinen befindet.

Ich ließ mir von Wouter und seinem Assistenten Dorus alles ganz genau zeigen und erklären und durfte mich ausgiebig in der Werkstatt umschauen.

Es war wirklich nett und ich wurde durch und durch bestätigt in meinem Gefühl, dass die neue Espresso-Queen an meiner Seite aus sehr gutem Hause stammt.

Später fuhr Wouter mich und meine Eroberung in seinem alten Mercedes zurück zum Hotel, wo dann die Sackkarre, die ich dort gelassen hatte, zum Einsatz kam.

Am gleichen Abend trug ich sie über die Schwelle meiner Wohnung. Wir waren vereint.

Geigen.

Vorhang.

Okay. Kommen wir nun auf den Boden der Tatsachen: 

Was hab ich mir da eigentlich ins Haus geholt?

Und wie läuft es mit Frau Antje und Madame Strietman jetzt, wo der Honeymoon vorbei ist und wir seit Monaten Alltag miteinander leben? 

Soviel sei gleich verraten: Ich finde meine CT2 auch nach Monaten noch toll und freu mich jeden Tag wie eine Schneekönigin an ihr!

Was hat sie also, diese Maschine, was mir so sehr gefällt, dass ich sie auch nach dem Honeymoon und weiteren 6 Monaten der eingehenden Bewährungs-Prüfung nicht mehr missen möchte? 

Sie ist simpel. Sehr simpel. 

Nun mag ja simpel für manchereins mit allzu romantischen Vorstellungen vom einfachen, überschaubaren Leben verknüpft sein, die den realen Alltagsanforderungen des modernen Lebens und den individuellen Bedürfnissen nach Bequemlichkeit dann doch nicht standhalten. 

Mir fallen dazu spontan alte Wanderausrüstungen aus den 50ern und 60ern ein, die ich, so schön Vintage sie auch sein mögen, beileibe nicht mehr durch die Berge schleppen möchte. Ich hab’s allerdings getan. Lang ist’s her. 

Simple Dinge können sich als allzu fummelig, zeitintensiv, schwergängig, störanfällig und nervenaufreibend erweisen, um noch Spaß zu machen. Wobei das freilich nicht jeder gleich erlebt. 

Mein Gasherd, zum Beispiel, stammt vermutlich aus den 70ern. Könnte auch noch älter sein. Während ich bestens damit klar komme und viel darauf koche und im schrabbeligen Ofen, ohne Umluft und Oberhitze, schmore, findet meine Liebste, dass er eine Zumutung sei.

Zurück zur CT2. 

Für mich verkörpert diese Maschine eine Art von Einfachheit, die mich entspannt.

Eine Heißwassersäule wird mithilfe eines Kolbens und eines Handhebels durch gepresstes Kaffeemehl gedrückt. Das Wasser wird zuvor per integriertem Boiler auf die gewünschte Temperatur erhitzt. 

Das war’s. Frau Antje versteht alles, was da passiert und findet das gut.

Ich empfinde die Strietman weder als fummelig noch als zeitintensiv oder störanfällig in ihrer Handhabung, sondern als einfach und komfortabel zugleich. 

Nervenaufreibend ist ihre Handhabung schon gar nicht.

Sie ist ausgesprochen leicht zu bedienen, leichtgängig, leicht sauber zu machen und leicht instand zu halten. Frau Antje mag es simpel – aber nicht unnötig kompliziert.

Hinzu kommt, dass die Strietman wunderbar anzufassen ist. 

Ich mag jeden Handgriff, den es zu verrichten gilt, um der CT2 hervorragenden Espresso zu entlocken.

Sie ist überschaubar. Außer der Boiler-Heizung und dem Thermostat liegt bei der CT2 alles offen und ist somit einsehbar und im Falle eines Falles höchstwahrscheinlich leicht reparierbar. Das beruhigt mich. 

Sie ist schön.  Für mich jedenfalls. Ich kenne keine schönere Espressomaschine. Die drei verschiedenen Metalle mit ihren verschiedenen Farben, das Holz der Griffe und die Kombination der eckigen und runden Formen ergeben  in meinen Augen etwas ästhetisch Vollkommenes. 

Mein Blick verweilt heute noch so gerne auf diesem Schmuckstück in meiner Küche, wie am ersten Tag.

Sie verbraucht kaum Strom, verglichen mit anderen Espressomaschinen. Lief ihre Vorgängerin, die CT1, noch mit einer Leistung von 750 Watt, so sind es bei der CT2 nur noch 500 Watt. Ganz schön wenig. 

(Zum Vergleich:  Sowohl die La Pavoni Handhebelmaschinen Professional und Europiccola als auch die Olympia Cremina laufen mit einer Leistung von ca. 1000 Watt. 

Die Profitec Pro 800 hat eine Leistung von um die 1600 Watt.

Die Bezzera Strega startet mit 1450-1650 Watt durch.

Für die Londinium R24 werden gar 2400 Watt in die Waagschale geworfen.)

Die Strietman wird aus hochwertigen, massiven, ungiftigen Materialien in einer kleinen holländischen Manufaktur gebaut. 

Kupfer, Messing, Edelstahl, Holz.

Da trifft es sich gut, dass ich ein Faible sowohl für langlebige, wertige, massive Werkstoffe, als auch für gutes, solides, kreatives Handwerk habe.

Wenn ich etwas Schönes, Wertiges, das in geringer Stückzahl, in einem kleinen, selbstständigen Betrieb produziert wurde, kaufen kann, macht mich das nachhaltig froh.

Sie hat eine recht kurze Aufheizzeit:  Nach zwanzig Minuten ist die Strietman temperaturstabil und betriebsbereit. Ganz schön schnell. 

Wenn ich sie also während des Frühstückens einschalte, kann ich mir direkt nach dem Frühstück einen Espresso zubereiten. Falls mir danach ist, sogar einen zweiten. Und einen dritten. Das empfinde ich, nach der Zeit mit meinen beiden Diven der zweiten Generation, als echten Luxus. Denn nicht umsonst hatte ich zwei davon nebeneinander stehen. Zwei Bezüge hintereinander mit dergleichen Maschine fanden die Diven nämlich doof und überhitzten dann gleich mal in steter Zuverlässigkeit.

Klar, ein Temperaturmod hätte Abhilfe geschaffen. Aber dieses Ergänze und Rumgebastle fand wiederum ich doof.

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“The Strietman is probably the easiest lever to use/dial-in. But you should know first if you do like levers :-).” 

“Die Strietman ist wahrscheinlich die am einfachsten zu bedienende /erschließbare Handhebelmaschine. Aber du solltest schon wissen, ob du Handhebel überhaupt magst 🙂 .” 

(Zitat aus Home-Barista) 

Wer sich eine Strietman zulegen möchte, sollte folgende Ansprüche auf keinen Fall haben:

1. Milch damit aufzuschäumen. 

2. Den Output während des Bezuges zu wiegen. 

3. Mehr als 3 Espressi kurz hintereinander zu ziehen. 

4. Tasten zu drücken. 

5. Parameter von Displays ablesen zu wollen. 

6. Mit den üblichen 58mm- oder 54mm-Sieben zu arbeiten. 

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Zu 1.: Die Strietman hat keine Dampflanze.

Sie wurde einzig und allein für den Bezug von Espresso konzipiert.

(Natürlich gibt es für Leute, die irgendwann einen Sinneswandel durchmachen und dann plötzlich doch Cappuccino zubereiten wollen, die Möglichkeit, sich eine separate Dampfmaschine zuzulegen. Da gibt es einiges an eindrucksvollen Eigenbau-Beispielen im Internet zu finden. Außerdem gibt es, fertig zu kaufen, sogenannte Stove Top Milk Steamer, z.B. von Bellman oder von Belpasta. Von Vesubio wird ein Vintagemodell gelegentlich gebraucht angeboten).

Zu 2.: Unter den eingedrehten Siebträger passt entweder eine Tasse oder eine Baristawaage. Aber nicht beides. 

Ich habe, rein aus Neugier, Versuche mit einer ganz dünnen Münzwaage unternommen, über die ich, als Nässeschutz, ein Kondom gezogen habe. Geht. Ist nur irgendwie voll unelegant.

Die Strietman wurde also sehr offensichtlich für Menschen gebaut, die ihren Espresso gerne nach Sicht und Gefühl beziehen. Ohne Bezugs-Gewiege. Sozusagen für Menschen wie mich.

Zu 3.: Die Strietman hat einen relativ kleinen offenen Boiler. Da passen maximal 400ml rein. Laut Handbuch sollen sogar nur maximal 350ml eingefüllt werden. Wouter Strietman meinte auf meine Nachfrage hin (“Why only 350ml?”), 400ml einzufüllen sei völlig okay und führe sogar zu noch mehr Temperaturstabilität. Die offizielle Angabe beinhalte eine Sicherheits-Pufferzone. Damit auch ein Mr. Bean die Küche nicht überflutet beim Befüllen. 

Nach 3 Shots inklusive kurzem Flushen war’s das jedenfalls mit Brühwasser. 

Es sollen auch schon Leute 4 Shots aus einer Boilerfüllung bezogen haben, hab ich im Internet gelesen. Na ja, vielleicht so ganz ohne Nachspülen, wer weiß. Oder sie haben den Boiler mit mehr als 400ml bis an den Rand gefüllt ….

Zu 4.: Die Strietman hat keine einzige Taste. Geschweige denn ein Touchpad. Was sie hat, ist ein kleines, metallenes An-/Aus-Hebelchen für Strom und einen analogen Temperaturregler, der per robustem Drehknopf eingestellt wird. 

Da es sich um eine Direkthandhebelmaschine handelt, ist sie natürlich mit einem Handhebel ausgestattet, mit welchem der Kolben in der Brühgruppe auf- und abwärts bewegt werden kann. Kurz vor dem eigentlichen Hochziehen des Hebels, dort, wo der Hebel ca. 1-2 mm Spiel hat, öffnet sich kurz das Ventil im Kolben, so dass etwas Wasser unten durch das Duschsieb in das mit Kaffeemehl gefüllte Sieb im Siebträger strömt, sofern der Bezug entsprechend vorbereitet wurde. Dies kann als passive Präinfusion gelten. Das leichte Ausströmen des Wasser wird gestoppt, sobald das eigentliche Hochziehen des Hebels beginnt, und setzt wieder ein, wenn das Hochziehen, wo auch immer auf der Strecke, gestoppt und der Hebel im oberen Spiel gehalten wird. Drückt man den Hebel runter, wird, solange der Hebel in der Abwärtsbewegung ist, der Puck geduscht. Das Duschen stoppt, sobald die Abwärtsbewgung angehalten wird. So können die aktive Präinfusion und sowohl die Länge, als auch der Druck des Bezuges präzise gesteuert werden.

Alles manuell.

Zu 5.: Madame Strietman trägt keine Displays. Sie sagte mir, sowas stehe ihr nicht.

Wouter Strietman hatte bei der CT2 , die er in seiner Werkstatt zum Espressomachen benutzt, ein Milchthermometer oben im offenen Boiler hängen. So eins hab ich mir dann zuhause auch gekauft. 

Um das Thermometer auch zusammen mit dem Edelstahldeckel für den Boiler nutzen zu können, habe ich beherzt, mit einem entsprechend dicken Nagel, ein Loch in diesen getrieben. Der Thermometerfühler passt perfekt hindurch. Damit er die Wand des Boilers nicht berührt, habe ich mir die Holzknopf-Lösung (siehe Foto) einfallen lassen.

So wird tatsächlich ausschließlich die Temperatur des Wassers gemessen, ohne dass die Boilerwand die Messung verzerrt. 

Warum überhaupt ein zusätzliches Thermometer? 

War das nicht so, dass man die Temperatur einstellen kann?

Ja, kann man.

Es ist so: Die Maschine durchläuft Heizzyklen. Wenn sie die angestrebte Temperatur erreicht hat, was nach ca. 20 Minuten und 5 Heizzyklen der Fall ist, bleibt sie stabil innerhalb eines Spektrums von 1,5ºC unterhalb und maximal 1,5ºC oberhalb der Zieltemperatur. Sinkt die Temperatur darunter, wird der nächste Heizzyklus ausgelöst. Wenn man seinen Espresso punktgenau mit einer bestimmten Zieltemperatur beziehen möchte, und nicht nur Pi mal Daumen, hilft einem das Thermometer, diesen Zeitpunkt abzupassen. 

Allerdings werden die meisten Strietman-Besitzer*innen recht bald, wenn ihnen ihre Maschine geläufig geworden ist, auch ohne Thermometer, anhand der Phasen des Heizzyklus, wissen, wann der entsprechende Moment gekommen ist:

Stoppt die Maschine den Heizvorgang, dann springt mit einem leisen Klick das rote Lämpchen an, welches ihre Bereitschaft zum Bezug anzeigt.

Ab hier warte ich noch 10 gezählte Sekunden, während das Wasser im Boiler sich, dem Lämpchen etwas hinterherhinkend, vollends die ganze Heizwärme nimmt.

Dann erst stimmt die Temperatur genau.

Als weiteres Messinstrument gibt es von der Firma Naked (www.naked-portafilter.com) ein sogenanntes ‘Piston Pressure Kit’ zum Nachrüsten, mit dem der Kolbendruck den man während des Bezuges anwendet, gemessen werden kann. Es gibt bei Naked sogar einen passenden Deckel für den Strietman-Boiler zu kaufen. Er ist mit einer Öffnung versehen, durch die sich die Kolbendruck-Anzeige auf und ab bewegen kann. Insgesamt sicherlich ein cooles Teil, das ich bisher jedoch nicht käuflich erworben habe. 

Reguliert wird der Kolbendruck so oder so manuell, ob man ihn nun währenddessen misst oder nach Gefühl vorgeht.

Zu 6.: Die Siebe, die in den Strietman-Siebträger passen, haben einen Durchmesser von 49mm. Genauso, wie die Siebe der alten La Pavoni Handhebelmaschinen und die der Olympia Cremina. 

Die zur Strietman gehörigen Präzisions-Siebe werden von der Firma IMS gefertigt. 

Das kleinere Strietman-Sieb ist, bis auf das fehlende Pavoni-Logo am Boden, identisch mit dem 49er La Pavoni-Doppelsieb von IMS. 

Die maximale Füllmenge beträgt 14g (dunkle Röstung).

In das große Strietman-Sieb können allerhöchstens 18,5g Mahlgut (dunkle Röstung) gefüllt werden. Bei mittleren bis hellen Röstungen dürften es jeweils 1-3g mehr sein. 

Für die, die es ganz genau von mir wissen wollen –

Meine Routine für einen Doppio Ristretto sieht folgendermaßen aus:

Flushen und mit dem heißen Flush-Wasser die Tasse vorwärmen.

14-15g Mahlgut (großes Sieb – ja, ich arbeite gern mit etwas mehr Headspace, auch bei dunklen Röstungen),

Hebel zu ca. 2/3 anheben

(die Zeit des Hebelhochziehens sollte bereits als passive Präinfusionszeit gerechnet werden, da sofort mit dem Anheben Wasser auf das Mahlgut im Siebträger strömt),

Hebel senken (Ausströmen des Brühwassers stoppt, sobald der Hebel nicht weiter nach oben bewegt wird), bis ein feiner Widerstand spürbar wird. Ab hier beginnt entweder die aktive Präinfusion, solange in dieser Position verweilt wird, oder der Bezug, sobald der Kolben gegen den Widerstand weiter nach unten gedrückt wird.

Ich beende den Bezug, wenn der Espresso in der Tasse meinen Vorstellungen entspricht (“2 1/2 – 3 Schluck out”). Der Hebel ist zu diesem Zeitpunkt nicht vollständig nach unten gedrückt, sondern hat noch einiges an Strecke vor sich. Ich zieh die Tasse unter dem Siebträger raus, lass den Hebel auf Halbmast stehen, stell ein Henkeltöpfchen zum Tropfen-Auffangen drunter, und geh in Ruhe meinen Espresso genießen. …

Irgendwann 15-30 Minuten später drücke ich den Hebel vollends nach unten, lass den restlichen Espresso in das Henkeltöpfchen laufen und bewahre ihn auf zum Pflanzengießen. Wenn es nicht mehr tropft, dreh ich den Siebträger raus, kippe das Sieb in eine kleine Schüssel, flushe kurz und schalte die Maschine aus.

Es sei denn, ich möchte einen zweiten Espresso beziehen. Kommt aber selten vor.

In punkto Bezug von zwei Espressi gleichzeitig, unter Zuhilfenahme des Doppelauslaufes, wünsche ich mir von Wouter Strietman eine elegantere Lösung! Sprich: Einen eigens konstruierten Siebträger aus Messing, mit formschönem, gut funktionierendem Doppelauslauf, dem Adel der Maschine angemessen! 

Der einklickbare Doppelauslauf aus Stahlblech funktioniert zwar ganz gut, aber er wirkt wie die Plastik-Ketchupflasche beim Dinner im Sterne-Restaurant.

Meine Doppelauslauf-Routine gestaltet sich wie folgt:

Tassen mit heißem Wasser aus dem Wasserkocher vorwärmen.

Kurzes (!) Flushen.

18-18,5g Mahlgut (großes Sieb, Headspace gegen Null),

Hebel maximal nach oben,

aktive Präinfusion je nach Bohnen (nach der längeren Hebel-Hochzieh-Zeit eher keine, da die passive PI ja auch ihre Wirkung hat),

Abbruch des Bezuges, wenn beide Tassen je einen annehmbaren Ristretto in sich bergen. Der Hebel ist zu diesem Zeitpunkt fast ganz unten. Zwei normal lange Espressi gingen so grade eben.

Fazit bezüglich des Doppelauslaufes: Ja, die Strietman kann zwei auf einen Streich. Auch wenn sie dafür ursprünglich nicht gebaut wurde.

(Inzwischen habe ich zur Wasserwaage gegriffen und die Position der Maschine so gerichtet, dass die beiden Tassen nahezu gleichmäßig gefüllt werden. 🙂 )

Das Fließverhalten ist hierbei natürlich etwas zögerlicher als beim bodenlosen Bezug. Der Espresso muss die beiden Stanzlöcher im Blech erstmal finden, was so seine 1-2 zusätzlichen Sekunden dauert, wobei er minimal an Temperatur verliert (> Tassen heißer vorwärmen als beim Einerbezug!). Dann kommt er schließlich geflossen, wie er soll, und mit gutem Ergebnis in den Tassen.

Thema Support: Top! Wouter antwortet schnell und ist mit Rat und Tat zur Stelle. Das konnte ich erleben, als ganz zu Anfang der Siebträger zu viel Spiel hatte und es drüber raus suppte beim Bezug. Innerhalb von wenigen Tagen wurde per Express ein neuer geliefert.

Noch was?

Nö.

Die Strietman CT2 ist goldrichtig für mich. Und vielleicht auch für manch andere*n Espresso-Freak. Frau Antje ist jedenfalls restlos begeistert, wirklich ganz ohne Abstriche – bis auf den armseligen, blechernen Behelfs-Doppelauslauf.

Ich geh mir jetzt mit Madame S. einen perfekten Espresso machen und viel Spaß dabei haben.

The End.

 

 

 

 

 

 

Die HG 1

 

Für alle, die das Teil zum ersten Mal zu Gesicht bekommen und sich fragen, um was es sich wohl handelt: Nein, es ist KEIN Schleifstein,

sondern eine handbetriebene Espressomühle. Genau genommen handelt es sich um eine handbetriebene Stand-Espressomühle für zuhause – im Gegensatz zu mobilen Handmühlen, die, auch wenn viele Kaffee-Enthusiasten sie zuhause für Single-Dosing verwenden, ursprünglich eher für Reisen und Outdoor-Freizeit konzipiert wurden.

Die HG1 ist eine Design Klassikerin und die Grande Dame der sehr hochwertigen, handbetriebenen Stand-Kaffeemühlen. Im Internet sind Sätze zu lesen wie: “Die HG one ist nicht einfach nur irgendeine Handmühle. Sie ist DIE Handmühle”.

Nun gibt es natürlich noch ein paar mehr sehr sehr tolle Handmühlen und einige wenige andere supertolle Stand-Handmühlen für Kaffeebohnen. An der HG1 jedoch messen sich nach wie vor alle High End-Stand-Hand-Kaffeemühlen (was für ein Bandwurm-Wort!), die nach ihr gebaut wurden. Mir fallen da aus dem Stegreif die Kinu M68 (68mm konisches Mahlwerk), die Malwani Livi (83mm konisches Mahlwerk) und die MG1 von Mahlgut (68mm konisches Mahlwerk) ein. Wahrscheinlich gibt es mehr als diese. Jede der eben von mir genannten Mühlen habe ich vor dem Kauf ernsthaft in Erwägung gezogen, wobei die MG1 mittlerweile gar nicht mehr produziert wird und nur noch gebraucht erhältlich ist.

Alle vier Mühlen liegen bzw. lagen preislich bei um die 1000 Euro (Stand Herbst 2020), gelten als technisch ausgereift und hochwertig – und garantieren tolles Mahlgut.

Bei der HG1, der einzigen der genannten Mühlen, die nicht in Deutschland gebaut wird, kommt noch einiges Geld für Versand, Steuern und Zollgebühren dazu.

Letztlich habe ich mich aus reiner Leidenschaft für die HG1 entschieden, obwohl sie sicherlich diejenige Kandidatin ist, die am meisten Muskeleinsatz von ihrem Menschen verlangt. 

Warum? Weil ihr ausladendes, konisches 83mm-Mahlwerk nicht, wie das der Malwani Livi, dreifach übersetzt ist, sondern direkt gewuchtet werden muss. Die 68er Mahlwerke der anderen beiden Mühlen sind, aufgrund ihrer geringeren Größe, sowieso leichter zu bewegen.

Aber für mich ist die HG1 nun mal die Mühle mit der ansprechendsten Persönlichkeit und Optik. Wo die Liebe eben hinfällt … Frau Antjes Home-Fitness-Studio ist dadurch um ein effektives Gerät erweitert worden.

Wer sich für die HG1 interessiert und rumstöbert, wird im Internet auf zwei Adressen stoßen, wo diese verkauft wird:

Die von ‘Craig Lyn Design Studio’ und die von ‘Weber Workshops’.

Ich fand das zunächst ein bisschen verwirrend und habe recherchiert.

Folgendes hat es mit den beiden Adressen auf sich:

Die Erfinder und ursprünglichen Konstrukteure der HG1 sind Craig Lyn (der zuvor für die Spezialeffekte-Firma ‘Industrial Light + Magic’ in der Filmindustrie tätig war) und Paul Nahhas (zuvor klassischer Violinist an der San Francisco Opera). Zusammen gründeten sie im Jahre 2012 eine Firma, die so hieß, wie ihr Produkt: HG1. Paul Nahhas verkaufte allerdings recht bald seine Firmenanteile wieder an Craig Lyn, welcher sich ein Jahr später geschäftlich mit dem Apple-Designer Doug Weber zusammentat. Fortan nannte sich die Firma eine Zeit lang Lyn-Weber-Workshops. Inzwischen sind Lyn und Weber keine Geschäftspartner mehr und die HG1 ist sowohl über das ‘Craig Lyn Design Studio’ (ansässig in den USA) als auch über ‘Weber Workshops’ (ansässig in Japan) erhältlich.

Die Mühlen, die Craig Lyn herstellt und verkauft, haben als Seele das Mahlwerk, das auch in der großen, elektrisch betriebenen, wesentlich teureren Gastro-Mühle ‘Mazzer Robur’ verwendet wird.

Die Mahlwerke in den HG Ones von Weber Workshops werden ebenfalls als denen der Mazzer Robur gleich beworben (was von einem Käufer im Internet angezweifelt wird) und obendrein mit einer lebensmittelechten, sogenannten TiN-Beschichtung versehen, die eine längere Lebensdauer garantieren soll.

Ich gehe davon aus, dass sowohl Craig Lyn als auch Doug Weber Top Qualität verkaufen. Der Preis ist der gleiche. Meine Mühle habe ich bei Craig Lyn bestellt. Bei zwei bis drei Espressi am Tag dürfte das reguläre, ungepimpte Mazzer-Mahlwerk mich überleben. Und wenn nicht, lass ich mir mit 107 oder so halt ein neues schicken …

Außerdem ist das TiN-Coating von Weber Workshops wohl eher bei helleren Röstungen nötig, weil die Bohnen viel härter sind. Sowas kommt Frau Antje ja eh nicht in die Mühle.

Und die Shippinggebühren aus Kalifornien sind geringer als die aus Asien.

Bis das gute Stück dann endlich da war, hat es ein Weilchen gedauert. Schuld war der Zoll. Aus irgendeinem Grund pendelte Gräfin Mahlzahn zweimal zwischen Deutschland und Kalifornien hin und her, wenn das stimmte, was die Zoll-Status-Updates mir kund taten.

Irgendwann zog sie schließlich doch noch bei mir ein.

Für die, die sich bereits eine HG1 zugelegt haben und sich mit dem englischen Text der Bedienungsanleitung schwer tun, habe ich hier zusammengefasst, wie die HG1 eingestellt wird (Keine Sorge, es klingt tüdeliger als es ist!):

1 (orange) = Verschlussring

2 (türkis) = Mahlwerkkragen

3 (magenta) = Mahlwerk

Den Verschluss-Ring – 1 – (das runde Alu-Ding, wo die Zahlen drauf sind) anheben, bis die Stiftchen auf dem Mahlwerk-Kragen – 2 – zu sehen sind und ganz frei liegen.

Den Verschlussring mit einer Hand angehoben halten. Währenddessen das darunter befindliche Mahlwerk – 3 – (das sehr wichtige Ding, das beweglich innerhalb dessen Mahlwerk-Kragens mit den Stiftchen liegt) im Uhrzeigersinn komplett schließen. D.h. drehen, bis die inneren und die äußeren Mahlzähne sich berühren. Hier befindet sich der Nullpunkt. Von diesem Nullpunkt ausgehend wird das Mahlwerk nun 1 1/4 ganze Umdrehungen (360º +90º) gegen den Uhrzeigersinn bewegt. An dieser Stelle angekommen, kann wahlweise entweder die Null (0) oder die 3 oder die 6 oder die 9 auf dem Verschlussring über den Punkt (•) gesetzt werden. Das ist tatsächlich frei wählbar! Was du dir ausgesucht hast, ist dann dein persönlicher Referenzwert.

Ich habe die 9 gewählt. Über dem • befindet sich bei meiner Mühle also der Mahlgrad 9’0”. Von hier ausgehend liegt das Spektrum, innerhalb dessen ich meine dunklen Bohnen für einen Espresso-Singleshot mahle, zwischen ca. 5’0 und 6’2.

Der Mahlgrad 6’0 auf meiner (!) HG1 entspricht dem Mahlgrad 8’0 auf meiner Apollo.

Zum Lieferumfang der HG1 gehört etwas, was mich sehr begeistert: Ein sogenannter ‘Blind Tumbler’.

Ein geniales Werkzeug, wie ich finde!

Das Kaffeemehl fällt durch den magnetisch unter dem Mahlwerk angebrachten Trichter in den Blind Tumbler hinein. In diesem rühre ich das Mahlgut ein paarmal mit einem Essstäbchen um (es sollte nichts dünneres sein, damit es nicht zur unerwünschten Redistribution des Mahlgutes kommt), was dafür sorgt, dass die Kaffeemehl-Partikel sich gleichmäßig verteilen und das Mahlgutvolumen sich entflufft. Dann setze ich den Tumbler auf mein vorgewärmtes Sieb, hebe den Verschlusspfropfen an und schlage diesen ein paarmal wie ein Glöckchen gegen die Innenseite des Tumblers. Dieser Glöckchen-Sound gehört mittlerweile zu meinem Espresso-Zubereitungsritual!

Mit dem Tumbler noch auf dem Sieb klopfe ich das Ganze ein paarmal von oben nach unten senkrecht auf die Tischplatte, so dass das Mahlgut im Sieb schön zusammensackt, anstatt sich über dessen Rand hinauszuwölben.

Ich entferne den Trichter des Tumblers, levele gegebenenfalls, tampe, setze das präparierte Sieb in den warmen Siebträger – und spanne den Siebtrager fertig zum Bezug ein.

Da nicht alle Espressomaschinen mit den gleichen Siebdurchmessern arbeiten, ist der Blind Tumbler sinnvollerweise an der Unterseite, wo er auf das Sieb (oder direkt auf den Siebträger) gesetzt wird, mit unterschiedlich großen Halte-Rillen versehen, so dass er auf jede Siebgröße passt.

Frau Antjes Troubleshooting:

Trouble? Ja, gab es. Die Mühle wackelte und kippelte beim Kurbeln auf ihrem Fuß herum und ich war genervt. Nach ein paar Wochen des Tanzens mit ihr war ich das Gewackele leid. Ich sah ein, dass es mehr Körperkraft braucht, als mir zur Verfügung steht, um die Mühle beim Mahlen stabil auf der Tischplatte zu halten. Also nahm ich Maß, wandte mich an einen benachbarten Schlosser und ließ der Gräfin eine 12 kg schwere Stahlplatte unter den Fuß schrauben. Und zwar so, dass ich sie jederzeit abschrauben kann.

Seither ist die Zusammenarbeit zwischen uns beiden eine reine Freude.

Und nun zum Wichtigsten, dem Mahlgut:

Im direkten Vergleich zu meiner anderen Lieblings-Handmühle für zuhause, der Apollo von BPlus, kann ich folgendes sagen:

Die HG1 bringt geschmacklich eindeutig mehr Klarheit. Bei gleichem Mahlgrad (Fingerspitzen- und Lupen-Test) hat das Mahlgut der HG1 etwas von einem mit Sternen übersäten Himmel über einem Nachtlager hoch in den Bergen im August. Ich sitze mit dem Schlafsack um die Schultern auf der Isomatte und trinke tiefdunklen, heißen, edlen Kakao, während es um mich herum Sternschnuppen regnet.

Das Apollo-Mahlgut ist qualitativ keineswegs schlechter – aber anders: Hier trinke ich den Kakao eher drinnen am prasselnden Kamin. Der Raum um mich herum ist enger, die Aromen sind dichter gebündelt und funkeln weniger. Der Körper des mit der Apollo gemahlenen Espresso ist schwerer, behäbiger, lulliger und voller, während der Körper des Espresso aus dem HG1-Mahlgut leichter, tänzelnder, weiter und schwingender ist, durchwoben von deutlich mehr Obertönen.

Beides hat seine Reize. Wer Schokolade, Schokolade und immer nur Schokolade will und warmes, gemächliches, süßetrunkenes Strömen dabei, wird mit der Apollo eventuell sogar die bessere Wahl treffen. Die Apollo betont die wuchtigeren, dichteren Kernaromen von Kakao. Ich spreche dabei von Tendenzen und Nuancen! Wie gesagt: Die Apollo ist meine zweite Lieblingsmühle, wenn es nicht ums Reisen geht (dafür ist sie zu schwer) …

Wem es mehr um den unendlichen, atemberaubenden Aromenkosmos geht, um das Klingen und Summen und Glitzern und Aufleuchten der Aromen im ganzen Körper, wird von den Mahlkünsten der HG1 hin und weg sein. Was im übrigen nicht heißt, dass das Schokoladige vor lauter Sternennacht in Vergessenheit geriete. Die Schokoladigkeit zeigt sich durchaus, wenn die Bohnen diese mit sich bringen – und zwar in all ihrem vielhundertfältigen, ausdrucksstarken Aromenreichtum, den richtig guter Kakao nun mal haben kann. Edler Kakao birgt nicht nur wuchtige, schwere, süße Noten in sich, sondern oft eine ganze, himmelfüllende Aromen-Symphonie. Was erst recht für guten, tiefdunkel gerösteten Espresso gilt! 

Fazit:

Frau Antje hat beide Daumen oben. Die HG 1 ist eine Anschaffung, die sich lohnt. Natürlich nur für Handkurbel-Freaks, die nicht darauf aus sind, 18g Kaffeebohnen per Tastendruck in 0,7 Nanosekunden staubfein zu bekommen.

Zum Schluss noch ein paar Maße:

Tiefe: 27 cm

Höhe: 67 cm

Breite: 23 cm

Gewicht: 11.5 kg

 

 

“Espresso No.2 – Hallo wach” von Kaffee Brewda

Frau Antje testet zur Abwechslung mal wieder eine Röstung aus ihrer Nachbarschaft:

Den ‘Espresso No.2 – Hallo wach’ (50% Arabica/50% Robusta) von Kaffee Brewda. Geröstet in der Hamburger Speicherstadt. Zufällig gefunden beim Einkaufen in der Rindermarkthalle. 7,50€ für’s halbe Pfund.

Erik Brockholz, der Röster, ist, so verrät mir Kaffee Brewdas Website, zweifacher deutscher Vizeröstmeister und Goldmedaillengewinner der Röstergilde. Also offenbar jemand mit viel Erfahrung und Können.

Noch bevor es mit dem Testen losgeht, scheitere ich gleich mal am Verschluss der 250g-Packung: Durch ein Aufziehen der Lasche soll die Clipleiste freigelegt werden. Stattdessen reißt mir die Lasche ab. Und das sowohl auf der einen, wie auf der anderen Seite. Grmpf.

Ich öffne die Packung notgedrungen mit der Schere und stelle fest, dass der Clipverschluss nur an einer Innenseite der Packung befestigt ist.

Okay, doofe Tüte, kann passieren. Es gibt ja Klammern.

Die recht dunklen, paranussbraunen, matten Bohnen darin duften warm und sehr angenehm röstig.

Der Duft enthält erfreulicherweise nichts Grünes, das mich, die eingeschworende “Ab-Second-Crack-Anhängerin”, abschrecken könnte.

Der Espresso läuft sämig und glatt. Rehbraune Crema mit schöner, satter Konsistenz (kein Wunder bei 50% Robusta). Geschmeidiges Mundgefühl.

Beim Schmecken fällt mir als Erstes ein ganz kurzes, mild-säuerliches Aufblinken auf der Zungenspitze auf. Oh! Das hatte ich nicht erwartet! Dann kommt etwas Herbes, Rauhes, leicht Wildledrig-Stumpfes durch, während das Mild-Säuerliche sich nach einem Sekundenbruchteil verliert.

Ich fühle mich ein klein wenig an die zarte, sich an kräftigere Aromen anlehnen wollende Mehligkeit von grünen Bohnen erinnert. Des weiteren an zuckerreduziertes Mandelmarzipan, an kratzige Mostbirnenschale und an, auf wenige, malzige Aromen konzentrierte, dunkle Schokolade.

In meinem Körper wirkt der ‘Hallo wach’ eher neutral bis kühlend als warm. Auch das erstaunt mich, nachdem er so warm geduftet hatte.

Nach 6 Bezügen stelle ich fest:
Was mir bei diesem Espresso persönlich fehlt, sind die Obertöne, das Erhebende, Feine, Betörende von nachtschwarzen, temperamentvollen Edelkakaokompositionen und die marmeladig-schwingende Süße von kandierter Frucht – also das, was die großen süditalienischen Röstungen allesamt mitbringen, so unterschiedlich diese ansonsten auch voneinander sein mögen.

‘Hallo wach’ ist eine Mischung, die eher das Bild eines umgepflügten schleswig-holsteinischen Ackers im nebligen Spätherbst in mir wach ruft. Alles ein bisschen schwer, kühl, gedämpft und klobig an den Schuhen. … Und damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich liebe Schleswig-Holstein im November! Nur im Espresso wünsche ich mir mehr Vulkanerde, auf der Orangenbäume wachsen, und weniger neblige Ackerfurche. Was sicherlich von einem norddeutschen Röstmeister etwas viel verlangt ist.

In jedem Fall handelt es sich um hochwertige, kunstvoll geröstete Bohnen. Der ‘Hallo wach’ sorgt durchaus für eine interessante Erfahrung und ist sicherlich eine Empfehlung für alle, die es auch mal friesisch-herb, karg und schnörkellos-bodenständig mögen.