“Villa Oriente” von der Rösterei Kaffeekultur

Der “Villa Oriente” ist eine der kapriziösesten Röstungen, die mir je untergekommen sind.
Die erste Packung habe ich vor Wochen von einem Mitglied meiner Espresso-Community, im Tausch gegen andere Bohnen, bekommen. Ein labberiges, vom Röster handbeschriftetes Papiertütchen, das über die Osterfeiertage im Post-Kosmos getrudelt hatte.
Der erste Bezug hat mich sehr begeistert. Danach erstmal keiner mehr. “Okay” , dachte ich nach mehreren, weiteren, kläglichen Versuchen, “vielleicht haben die Bohnen in der fadenscheinigen Hülle und in der Osterwärme doch zu sehr gelitten. Ich bestell nochmal 250g – und dieses Mal, wie vom Röster angeboten, in der Unöko-Alutüte.”

Die zweite Charge schmeckte von Anfang an sehr anders als die erste. Nicht unbedingt besser.
Worauf ich das Päckchen erstmal in der Speisekammer hab ruhen lassen.
Bis gerade eben.
Dieses Mal habe ich nicht, wie bei den Malen davor, die Kinu, sondern die Apollo zum Mahlen gewählt. Sozusagen als Anti-Zauber, um den Bann zu brechen. Bohnen können ja starke Antipathien gegen Mühlen entwickeln, wenn diese sie zur Unzeit, mit der falschen Kante, links der Naht erwischen. Prinz Apollo verbeugte sich höflich und bat zum Tanz.
Und siehe da:
Madame Villa lüftete ihren Schleier. Und da trat er wieder in Erscheinung, der tolle, sehr eigene, leicht rauchig-karamellig-dunkelschokoladige, wirklich leckere Geschmack vom ersten Mal.
Puh! Manche Persönlichkeiten lassen sich wirklich bitten … Aber dann rauschen sie mit Pomp und Juwelen in der goldenen Kutsche herbei …

“India Royale” von Supremo

Supremo “India Royale” (80% Arabica/20% Hochland-Robusta) – ein sehr freundliches Geschenk von Rene Koch an Frau Antje.

Erste Eindrücke nach zwei Bezügen (La Pavoni Handhebelmaschinen Premillennium Professional und Premillennium Europiccola – 14,2 g – 2’8”0”’ Kinu M47 Phoenix – 96,5ºC Brühgruppen-Temperatur zu Beginn der Bezüge):

Beeindruckender, interessanter Espresso, dem die hochwertigen Bohnen und die gekonnte Röstung sofort anzumerken sind.
Sensorisch kann ich der Supremo-Beschreibung in vielen Teilen zustimmen: Er ist süß, weich und würzig. Das Wort “aromatisch” finde ich etwas problematisch, da ich grundsätzlich schon erwarte, dass aus einem guten Espresso Aromen herauszuschmecken sind. Melasse, also dunkler Zuckersirup, und Muskat sind für mich zutreffend: Der “India Royale” hat tatsächlich was von dieser schwer-süßen, lebkuchengewürzigen Lakritzigkeit, die Melasse eigen ist. Und auch das leicht Harzig-Balsamische von Muskatnuss kann ich in Anklängen herausschmecken. Ebenfalls kann ich Honigwabe, also Honig samt Wabenwachs, wiedererkennen. Am ehesten Waldhonig. Die Wachs-Würzigkeit und das Balsamische der Muskatnuss haben große Überschneidungen. Dunkles Karamell lehnt sich geschwisterlich an Melasse. Darüberhinaus hat dieser Espresso etwas, wofür ich in meinem Schmeckgedächtnis ein Weilchen kramen musste: Es ist eine aprikosenähnliche Fruchtigkeit – aber eher die leicht pelzigen, schmalen, verhalten klingenden Noten von nicht ganz sonnengereiften Früchten. Also durchaus ein ganz zarter, angenehmer Hauch von Säure. Plus ein Hauch von grüner Bohne. Und eine winzige Prise Steinsalz.
Kakaonoten nehme ich weder vorder- noch hintergründig wahr.
Der Abgang ist anhaltend rund. Warme, waldwürzige Lakritzigkeit hallt lange nach.
Lecker !

“Rosso e Nero” von Blasercafé

Ein gutgelauntes Hallo aus Frau Antjes Espressoverkostungs-Studio!

Heute im Test: “Rosso e Nero” von Blasercafé. 80% Arabicabohnen (Indonesien, Brasilien, Kolumbien, Indien) und 20% gewaschener Robusta (Indien – washed Parchment und washed Java).

Nach dem “Marrone” der zweite Dunkelgeröstete im Sortiment der Berner Rösterei, den ich verkoste. Und der erste Schweizer Espresso, der CSC-zertifiziert wurde. Dieses Zertifikat wird dem Rosso e Nero seit Jahren immer wieder erneut ausgestellt.

>Die italienische Organisation CSC (Caffè Speciali Certificati) wurde 1996 in Livorno gegründet. Sie verpflichtet ihre Mitglieder zu sehr hohen Qualitätskriterien, die einer strengen Kontrolle unterliegen. Diese Kriterien schließen Ernte und Aufbereitung des Rohkaffees, Transport, Lagerung und Endverarbeitung ein. Bei einem Kaffee, der CSC-zertifiziert wurde, handelt es sich mit Sicherheit um einen Spitzenkaffee. Im Jahr 2007 wurde die Firma Blasercafé als erstes Schweizer Unternehmen in die Organisation aufgenommen.

Weitere Mitgliedsunternehmen von CSC sind :

•Barbera 1870 – Messina

•Caffè Agust – Brescia

•Arcaffè – Livorno

•Mondicaffè – Rom

•DiniCaffè – Florenz

•Goppion Caffè – Preganziol (Provinz von Treviso)

•Le Piantagioni del Caffè – Livorno

 •Musetti Caffè – Pontenure (Provinz von Piacenza).

(Es sollen, laut CSC-Homepage 11 sein, aber ich habe nur diese 9, Blasercafé eingeschlossen, gefunden.)

Meine entsprechend hohen Erwartungen an den “Rosso e Nero” möchte ich nun bewusst zurückstellen und ihn so unvoreingenommen wie möglich mit all meinen Sinnen erleben.

Die Bohnen, die ich erhalten habe, sind leider nicht so frisch, wie erhofft: Röstdatum 15.3.19, also etwas űber 2 Monate alt – das ist sehr hart an der Grenze dessen, was ich für eine Verkostung für tauglich halte, denn die Aromen dűrften bereits etwas an Fűlle verloren haben. Nun gut. Sollte ich diese Espressomischung irgendwann einmal frischer bekommen, werde ich ein Update ertesten  🙂

Aussehen der Bohnen: Samtig esskastanienbraun, verschiedene Größen, kein erkennbarer Bruch.

Duft: Intensiv und warm, herzöffnend, unmittelbar den gesamten Rumpf ausfűllend, vom Brustraum bis hinab in die Beckenschale. Dunkelbeerig, samtig, voll, feurig, schokoladig. Schmeichelnde, geschmeidige, einladende Röstaromen. Wow! Wie der wohl geduftet hat, als er zwei Wochen alt war?!

12,4g. Feiner Mahlgrad (15 Klicks bei meiner Comandante zuhause), das BG-Thermometer zeigt zu Beginn der Präinfusion 76ºC (was wohl einer Brűhtemperatur von 82ºC nahekommt, jedenfalls hat der Rosso e Nero sich bei diesem Anzeigewert toll entfalten können). Präinfusion 12 Sekunden. Bezugszeit ab Hebeldruck: Gezählte 20 Sekunden.

Die ersten Tropfen kommen unter recht kräftigem Druck, danach fließt es schön gleichmäßig und sämig.

Leuchtend karamellbraune Crema.
Es duftet warm dunkelbeerig-schokoladig.

Der erste Schluck bringt sofort das Dunkelbeerige im Bitterschokoladenmantel auf die Zunge. Ich wiege mich zwischen wilder Brombeere und Waldheidelbeere, finde mich eher beim halbschattigen, hochsommerlichen Heidekrautgewächs Heidelbeere ein als beim Rosengewächs Brombeere mit seiner langen Erntezeit. Das Dunkelbeerige, das ich schmecke, hat mehr die fruchtig-herbe, saftig-waldkrautige Frische der Heidelbeere als die warme, erdige, likörige, fast schon am Rand des Modrigen balancierenden Schwere der Brombeere.
Also Waldheidelbeere. Mit ungesűßter, cremiger, dicker Sahne, wie sie sich direkt auf frischer Milch absetzt. Ein Hauch geschälte, geröstete Mandel. Ein Traum! Alle drei Schluck lang.

Im Abgang kommt eine Spur vollreifer, eher sűßer Apfel hinzu. Ein Quäntchen warmes, helles Karamell, das kurz in den Vordergrund tritt, um die Bűhne dann wieder der dunklen Schokolade mit Heidelbeer-Sahne zu űberlassen.

Ich habe den “Rosso e Nero” mittlerweile 6 mal getrunken. Es ist im ersten Moment kein Kaffee, der meinem Sehnsuchtsschema entspricht, so wie vor kurzem der Marrone.
Und dennoch merke ich zu meinem Erstaunen: Je öfter ich den Rosso e Nero trinke, desto mehr verspűre ich ein kleines Verlangen nach genau diesem Espresso. Er erinnert mich an Wanderungen bei Sommerhitze im Schatten von piemontesischen Maronenwäldern. Es ist hűgelig. Die gleißende Helligkeit des Tages wird gemildert durch den Wald. Bis auf das Knacken unter meinen Füßen, und hier und da Insektengesumm, ist es still. Es duftet nach zerfallenden, warm dahinbröselnden Baumstűmpfen. Nach rötlicher Erde. Nach langsam zerkochenden Frűchten. Ich halte inne. Bűcke mich. Frisch gepflűckte, saftig-warme Heidelbeeren finden sich in meinem Mund ein. Ein Vogel ruft. Da hinten noch einer. Und meine Seele ist einfach nur weit  …

“Mago” von Barbera

Barbera “Mago”, geröstet in Trentola Ducenta bei Neapel. 

80% Arabica/2% Robusta.

Lange Zeit mein einziger, unangefochtener Lieblings-Espresso! 

Hier in Kürze der Grund, warum ich den Barbera Mago so liebe: Er birgt in all seiner aromenfülligen Dunkelschokoladigkeit dieses Gutwetterwölkchen Bitterorangenmarmelade.

Die offizielle Verkostung kommt noch.

Und eine Family-Battle Mago aus Messina gegen Mago aus Neapel. Wait and see!